DIE ERSTEN VIER YOGA SUTREN DES PATANJALI
(Sanskrit) I,1: atha yoga - anusasanam
(Deutsch) Jetzt - Unterweisung im Yoga.
Mit dieser Verkündigung leitet der Yogi Patanjali seine Yoga-Sutras ein. Obwohl sie leicht vom halbherzigen Leser überflogen werden kann, ist sie doch sehr bedeutungsvoll.
Das Wort 'Nun' führt uns in diesen Augenblick, in das 'Jetzt', das in seiner Unmittelbarkeit keine Vergangenheit und keine Zukunft kennt.
Alles was vergangen ist und uns bis in diesen andauernden Moment geführt hat, existiert jetzt nicht. Vergangenheit existiert immer nur als eine Erinnerung in uns, sie ist eine Schöpfung unseres Geistes ('citta-vrtti', siehe Patanjali I,2).
Die Zukunft folgern wir aus den Erinnerungen an vergangene Ereignisse, die uns sagen, dass auf die Vergangenheit die Gegenwart folgt und darum auf die Gegenwart eine Zukunft folgen wird.
Tatsächlich finden aber alle unsere Erinnerungen und Schlußfolgerungen in diesem Moment statt, dem 'Jetzt' (bzw. 'Nun').
Das Wort 'Nun' fordert uns auf unsere Aufmerksamkeit in diesen Augenblick zu richten, hier wo Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gleichermaßen entstehen wie auch vergehen.
Nur 'jetzt' ist es möglich Yoga zu erlernen und zu erfahren - und gleichzeitig ist Yoga auch der Weg in dieses 'Jetzt'.
Geben wir uns also hin in dieses ewige unendliche Jetzt - und erfahren wir Yoga.
(Sanskrit) I,2: yogas citta-vrtti-nirodhah
(Deutsch) Yoga ist die Beendigung der Tätigkeiten des Geistes.
Sri Ramakrsna: „Solange der Mensch sich für das hält, was er nicht ist, muß er leiden.“
Unser Bewußtsein ist mit seinem Inhalt identisch. D.h. wenn ein Gedanke stattfindet, dann erfüllt dieser Gedanke unser Bewußtsein und erschafft, als Schöpfer seiner eigenen Grundlage, im Bewußtsein das was wir 'Geist' nennen.
Geist ist der Raum, in dem unsere Gedanken stattfinden. Dieser Raum, der einem Gewässer gleicht, wird durch die Einflüsse der Welt ständig in Bewegung gehalten. Dadurch wird das Wasser trüb und undurchsichtig. Der Beobachter, das Selbst, unsere wahre Natur, kann dann nicht mehr ungestört in die Welt sehen und diese erkennen wie sie tatsächlich ist, denn der von der Welt bewegte Geist verdeckt ihm die Sicht.
Unser Geist und unsere Gedanken sind eins.
Sobald wir aufhören zu denken wird das Wasser klar und durchsichtig, der Raum der sich durch das Denken zwischen die Welt und das Selbst geschoben hat, verschwindet.
Das ist Yoga.
(Sanskrit) I,3: tada drastuh svarupe vasthanam
(Deutsch) Dann verweilt der Seher in der eigenen (wahren) Natur.
Durch citta-vrtti-nirodha ('die Beendigung der Tätigkeiten des Geistes' = 'innere Stille') erblickt das Selbst die Welt so wie sie wahrhaftig ist.
Die Trennung zwischen dem uns innewohnenden 'Purusa' (d. i. das Göttliche in uns, das Selbst, der Beobachter) und der ihn umgebenden 'Prakriti' (d. i. die Welt) durch den Geist ist aufgehoben.
Purusa und Prakriti werden eins. Das Bewußtsein ist erfüllt vom Erlebnis allumfassender Einheit..
Dieser Zustand ist der natürliche Zustand des Menschen.
(Sanskrit) I,4: vrtti-sarupyam itaratra
(Deutsch) Sonst (gibt es) Identifizierung mit den Vrttis.
Sobald Gedanken stattfinden, führen sie die Trennung zwischen unserem göttlichen Wesenskern und der Welt herbei.
Denn: Jeder Gedanke den wir denken, impliziert ein 'Ich' das diesen Gedanken denkt.
Dieses 'Ich' impliziert ein 'Du', wodurch Trennung herbeigeführt wird.
Denken selbst, benötigt immer Subjekt und Objekt um einen Bezug herzustellen. D.h. daß Denken nur in einer dualistischen Sichtweise auf die Welt möglich ist.
Das Bewußtsein ist im Denkvorgang vom Denken erfüllt. Denken bedeutet Trennung, Das führt zu Leiden aufgrund der Trennung, und einem 'Ich' das die Trennung erleidet. Das ist was der Yoghi Identifizierung nennt und zu überwinden wünscht.
Wenn Vrttis stattfinden ist das Bewußtsein also identifiziert mit Objekten - und dadurch entsteht Trennung - und Leid.
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